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Unser Wildschwein Tinga - ein Wildtier

Tinga – ein Otelli-Tier

Mit einem richtigen Wildschwein konnten wir unter unserem Chapiteau eine Rarität zeigen, auf die wir sicher zu Recht stolz sein durften. Glaubten wir ursprünglich, dass unsere Tinga die einzige je dressierte Wildsau ist, so mussten wir in der Zwischenzeit etwas zurückbuchstabieren. Als Reaktion auf den Artikel zu unserer Dressur in einer internationalen Circus-Zeitung erhielten wir eine Zuschrift aus der ehemaligen DDR, die uns – leider ohne Bild – glaubhaft versichert, dass der DDR-Staatscircus einige Jahre vor der Wiedervereinigung Deutschlands eine Wildschwein-Dressur von Uwe Schwichtenberg zeigte. Der Star der acht Tiere war Monique. Sie konnte unter anderem auf den Hinterbeinen gehen ! Trotzdem, zwei Tatsachen scheinen immer noch unbestritten zu sein: Erstens wurde noch nie in einem Jugendzirkus ein Wildschwein gezeigt, und zweitens war Tinga seit DDR-Zeiten und bis heute weltweit das einzige dressierte Tier !

 

Unsere Gemeinde Otelfingen besitzt als Wappentier eine Wildsau. So haben wir uns seit einiger Zeit gewünscht, ein solches Tier einmal in unserer Manege zu haben. 2000 war es so weit: Erstens machte in unserem Zirkus die Bauernfamilie Schibli mit, die bereit war und der es möglich ist, ein solches Tier „zu Hause“ zu halten. Zum zweiten konnten wir ein „Waisenkind“ aus dem Freiburgischen übernehmen, dessen Mutter an einem Autounfall gestorben war. So hat Dominik Schibli im Frühling und Sommer 2000 die kleine Tinga gross gezogen und zusammen mit mir dressiert.

Wie gesagt, dressierten wir – auf bescheidenem Niveau – bereits allerlei Tiere. Ich masste mir darum an, aus der Erfahrung anzunehmen, dass in Sachen Dressur grundsätzlich ein Tier ein Tier ist, und lediglich die einen intelligenter, die anderen weniger einfach zu dressieren sind. Es war mir aber nicht bewusst, dass und wie man unterscheiden muss zwischen domestizierten und wilden Tieren. Wildtiere sind nicht unbedingt wild, sie sind aber anders. Davon soll im folgenden etwas die Rede sein.

Tinga wird erwachsen

Unsere Tinga wurde ziemlich genau an Weihnachten 1999 geboren. Aus dem kleinen Frischling wurde später eine extrem grosse ausgewachsene Bache. Wie hat sich das geäussert ? Zum wichtigsten und äusseren einmal sicher in der Grösse und im Gewicht. Als wir Tinga erwarben, wog sie weniger als 20 Kilo, kurz vor ihrem Tod 110 Kilo auf die Waage ! Früher musste man aufpassen, dem lieben Tierchen nicht auf die Füsschen zu treten, heute muss man gute Schuhe tragen, wenn ein Tritt ihrer spitzen Klauen auf die eigenen Füsse nicht weh tun soll. Früher ging Tinga spielend zwischen den Beinen von Dominik durch, später ging das nicht mehr – er wuchs weniger rasch als sie !

Im weiteren wurde Tinga (noch) selbstbewusster, heikler, sensibler und wählerischer. Dies äussert sich vor allem darin, dass sie nicht mehr alle Personen und alle Tiere zu sich und in ihr Gehege liess. Mit Hofhund Shira hatte sie in der Jugend ein recht gutes Verhältnis. Als Shira aber später einmal wagte, zu ihr hineinzugehen, verteidigte Tinga urplötzlich ihr Revier in einer Art, wie wir das noch nie erlebt hatten. Dominik musste den guten Hund buchstäblich hinausretten ! Obschon Shira ein grosser Hund ist, hätte sie den Kampf mit Tinga kaum erfolgreich überstanden. Ein andermal musste ein unerfahrener, allzu mutiger Tierarzt nach dem Angriff von Tinga fluchtartig das Gehege verlassen … – Schweine sind gesellschaftliche Tiere, leben sie doch in Rotten. Wir stellten dies auch fest auf dem Bauernhof. So lag denn die Idee nicht so ferne, sie zusammen mit den Rindern in einem grossen Laufstall zu halten. Das ging aber nicht lange gut: Nach wenigen Stunden zeigte Tinga den viel grösseren Rindern, wer hier Leittier ist und schüchterte alle nachhaltig ein. Die Tiere mussten wieder getrennt werden …

In der guten Absicht, unserem Tier mehr Freiheit zu geben, hat die Familie Schibli ein grosses Stück Land „ausbruchsicher“ eingezäunt (Gitternetz- und Elektrozaun). Allein für sich auf dem Feld zu sein, gefiel Tinga aber gar nicht. Zuerst jaulte sie jedes Mal bei Berührung des Elektrodrahtes auf. Schliesslich aber zerriss sie ihn, zerstörte auch den Maschendraht und riss aus ... Sie konnte wieder eingefangen werden und bekam dann einen viel kleineren, aber schönen Auslauf in unseren Zentralkäfig, den wir an der Stalltür auf dem Hof anbauten. Diese Lösung hatte noch einen begrüssenswerten Nebeneffekt: Das Tier bewegt sich nicht nur im grosszügigen, weichen Stall (Stroh), sondern auf dem harten Hofplatz. Damit werden die Klauen abgenutzt.

Tinga und das Klauen-Problem

Trotzdem wurden die Klauen von Tinga im weichen Stall immer länger, weil sie nicht natürlich abgenutzt wurden. Sie mussten geschnitten werden. Dass sich Tinga dies nicht bieten lassen werde, war uns allen klar. So nahmen wir mit dem erfahrenen Tierarzt Dr. August Sigrist Kontakt auf. Nach eingehenden Diskussionen über die Möglichkeiten kam er zur Überzeugung, dass ein Blasrohr für die Narkose nicht zwingend war: Tinga wurde sanft in eine Ecke ihres Stalles gedrängt, wo Dr. Sigrist ihr eine Spritze gab. Die Betäubung wirkte rasch, man konnte die Klauen schneiden. – Um das Vertrauen zum Tier nicht zu gefährden, legten wir Wert darauf, dass weder Dominik noch ich bei dieser Aktion dabei waren, denn selbst stark sediert, nehmen die Tiere unterbewusst wahr, was um sie geschieht. Mit dieser unangenehmen Situation durfte Tinga uns zwei nicht verknüpfen.

Was aus der Natur bekannt ist, bekamen wir indirekt bei dieser Aktion bestätigt: Wildschweine sind sehr robust. Fachleute stellen immer wieder fest, dass freilebende Tiere Wunden überleben, an denen domestizierte Schweine längstens sterben würden. So erklärte uns denn der Tierarzt Sigrist, dass er für Tinga eine dreimal so hohe Narkose-Dosis einsetzen musste wie für ein domestiziertes Schwein gleichen Gewichts !

Wildschwein und Zebra


Vor einiger Zeit erschien in der Schweizer Circus-Zeitung manege ein Interview mit Fredy Knie, in welchem er auch auf die Unterschiede zwischen Wildtieren und domestizierten Tieren eingeht. Daraus sei kurz zitiert. Fredy Knie: „Das Zebra, auch wenn es in Gefangenschaft geboren wurde, ist ein Wildtier und bleibt eines. Seine Instinkte sind anders als beim Pferd, es reagiert auf andere Einflüsse als das Pferd. Im weiteren sind Zebras robuster und weniger anfällig auf Krankheiten. Auch heilen Wunden schneller als bei den Pferden. Die Natur ist eindeutig noch stärker wirksam als beim Pferd, das schon so lange domestiziert ist.“ Weiter meint der zuständige Tierarzt Dr. Ueli Eggenberger: „Die afrikanischen Streifenpferde sind besonders heikel. Ausser zwei alte, etwas umgänglicher gewordene, mussten wir alle Zebras mit dem Blasrohr impfen, denn sie würden sich dermassen gegen die Spritze zur Wehr setzen, dass die Unfallgefahr zu gross wäre. Auch ein Hochheben der Füsse ist nicht zu bewerkstelligen. Damit  sich die Hufe von selber abnützen, lässt man Zebras häufig auf hartem Boden gehen. Hufkorrekturen müssen unter Narkose vorgenommen werden.“
Ist es nicht schön und beruhigend – daneben sicher auch interessant – wenn im Circus Knie die Fachleute mit dem Wildtier Zebra die fast gleichen Erfahrungen machten, wie wir mit dem Wildtier Wildschwein ?

 

Die unangenehmen Seiten des Wildtieres
Nach den Erfahrungen mit Hund Shira, mit den Rindern, aber auch mit anderen Menschen ist es sicher verständlich, wenn immer mehr Leute – die Kinder zuerst – immer mehr Respekt, um nicht zu sagen Angst vor unserem Wildschwein bekamen. Bei den wöchentlichen Dressuren habe auch ich die Erfahrung gemacht, dass Tinga auf andere, für uns nur schwer nachvollziehbare Einflüsse reagiert – oder nicht reagiert. Arbeitete sie in den ersten vier Jahren ihr bescheidenes Trick-Repertoire fast immer einigermassen brav, so gab’s in letzten Lebensjahren immer mehr Schwierigkeiten. In einer ersten Phase akzeptierte sie Apfelstücke als Belohnung nicht mehr – dafür tat sie nichts mehr. Erdbeeren brachten uns dann weiter ! Aber abgesehen davon, dass die Beerensaison vorüberging, mussten wir erkennen, dass meistens der Wille – oder „nur die Sturheit“ ? -  des Tieres stärker war als die Gelüste nach Leckerbissen. Das macht die Dressur unglaublich viel schwieriger.
Weiter ist es so, dass Dominik ab 2001 in eine externe Schule ging und somit nicht mehr täglich mit Tinga zusammen sein konnte. Dies dürfte für die Beziehung auch nicht gut gewesen sein. Er hatte und hat das beste Verhältnis zu Tinga. Ich hatte schon immer wieder kleinere Probleme mit Tinga und dabei unbedeutende Bisswunden abbekommen. Seit 2002 nahm ich darum einen Stock mit hinein in Stall und Auslaufkäfig. Ich musste ihn nie einsetzen, aber es war mir doch wohler, im schlimmsten Fall auch etwas „handfeste Zähne“ zeigen zu können !

 

Bis in Tingas viertes Lebensjahr konnte Dominik als einziger noch relativ problemlos schmusen mit unserem Wildtier. Darauf aber hat aber auch er immer wieder Probleme mit Tinga, und damit vielleicht mehr als „nur“ Respekt vor ihr bekommen. Wie ist das veränderte Verhalten Tingas zu interpretieren ? Mit über sechs Jahren hatte sie im Vergleich zur freien Wildbahn bereits ein respektables Alter erreicht. Also Alterssturheit ? Oder weiterhin „einfach“ das natürliche Verhalten des Alphatieres im Matriarchat des Schwarzwildes ? Oder eine „psychische Störung“, da wir das Tier nicht in einer Gruppe hielten ?  Vielleicht von allem etwas …
Leider konnten wir keine weiteren Erfahrungen mit Tinga sammeln: Am 12. November 2005 hat sie wieder einmal eine Gelegenheit benutzt, ihr Gehege zu knacken und machte einen Ausflug … Wie immer wollte sie auch wieder zurückkommen. Auf diesem Weg zurück in ihren Stall aber war bei der Überquerung einer Hauptstrasse ein Auto „stärker“ als sie. Den Zusammenprall überlebte unsere Tinga leider nicht … Die schwierigste, ausserordentlichste, attraktivste, unvergessliche Artistin von Otelli war tot. Obschon sie von uns extrem viel forderte, waren wir sehr traurig – die Familie Schibli und besonders auch ich: Tinga hat uns viel „menschlich-tierisches“ gegeben, und – in aller Unbescheidenheit muss und darf man festhalten: Die dressierte Wildsau Tinga war im kleinen, weltweit unbekannten Zirkus Otelli ganz objektiv betrachtet ein zirzensischer Leckerbissen, wenn nicht gar eine kleine Sensation, die kein anderer Zirkus auf der Welt in dieser Zeit zeigen konnte !


Fritz Zollinger